Die Stadtreinigung und ihr (a)sozialer Auftrag

Am Ende hat die Geschichte es sogar ins ARD-Nachtmagazin geschafft (ab 11:40): Seit Anfang Juni hängen an zehn Mülleimern in Hamburgs Innenstadt so genannte Pfandregale, in die Passanten ihre Pfandflaschen stellen können, damit Flaschensammler sie von dort mitnehmen können. Zuvor gab es eine öffentliche Welle der Empörung, weil die Sammler in die neuen Mülleimern in der Innenstadt nicht mehr hineingreifen und dort nach Pfandgut suchen können.

Ein Sprecher der Stadtreinigung hat den Schuldigen für den „Sturm der Entrüstung im Internet“ ausgemacht und dem NDR berichtet: Auslöser sei ein Bericht beim Stadtmagazin „Hinz und Kunzt“ gewesen, der dem Betrieb unterstellt habe, mit den neuen Körben die Flaschensammler aus der Innenstadt vertreiben zu wollen.

Über diesen Bericht aus meiner Feder ist die Stadtreinigung tatsächlich not amused. So wollte mir ein anderer Sprecher doch tatsächlich kürzlich erklären, dass der mit Journalismus nichts zu tun hätte, weil er ungeprüfte Unterstellungen verbreitet. Dabei war es nicht „der Artikel“, der etwas unterstellte, sondern dessen Protagonist. Nämlich dass die neuen Mülleimer aufgestellt wurden, um Arme aus der Innenstadt zu vertreiben. Und die Stadtreinigung hatte die Gelegenheit, die Vorwürfe „energisch“ zurückzuweisen. Insofern: Alles sauber.

Wie man aber überhaupt auf die Idee kommen könnte, ein betriebswirtschaftlich organisiertes Unternehmen hätte einen sozialen Auftrag, konnte der Unternehmenssprecher bei unserem Telefonat überhaupt nicht nachvollziehen. Bei Hamburg Mittendrin wird er gar zitiert mit dem schönen Satz: „Wir sind aber nicht das Sozialamt“.

Klar, so kann man sich natürlich auch aus der Verantwortung ziehen. Die Gegenfrage müsste lauten, ob denn die Stadtreinigung einen asozialen Auftrag hat? Dass sie die Mülleimer aus dem Grund aufgestellt hat, Flaschensammler zu vertreiben, will ich gar nicht behaupten (Auch wenn der Hersteller damit wirbt, dass „kein „fischen“ möglich“ sei). Aber trotzdem hat die Einführung der neuen Mülleimer ganz reale soziale Folgen für diejenigen, die aufs Flaschensammeln angewiesen sind. Diese aufzuzeigen war Sinn und Anlass für unsere Berichterstattung, sozialer Auftrag hin oder her.

Am Ende war hatten wir damit auch in gewisser Weise Erfolg in Form der neuen Pfandregale. Und auch die Stadtreinigung hat sich damit wohl auch noch einen Imagegewinn erarbeitet, wenn man in die Mopo von Dienstag schaut:

stadtreinigung

Bedauernswert an der ganzen Geschichte scheint mir, dass gar nicht mehr hinterfragt wird, warum Menschen Flaschen sammeln. Warum sie durch die Fußgängerzonen ziehen und in Mülleimern wühlen. Für alle sichtbare Armut, an die sich offenbar die meisten Menschen längst gewöhnt haben. Der eigentliche Skandal ist nicht, dass die Flaschensammler in die neuen Mülleimer nicht mehr hineingreifen können. Der Skandal ist, dass sie es müssen.

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