Polizei entdeckt Twitter

Nicht nur in New York versucht sich die Polizei erfolglos im Twittern, auch in Deutschland sorgen einige Tweets der Exekutive für Kopfschütteln. Dabei geht es der Polizei eigentlich darum, nicht die Deutungshoheit über die Realität zu verlieren.

In das bislang größte Twitter-Fettnäppchen ist jetzt die New Yorker Polizei getreten. Sie hatte dazu aufgerufen, unter dem Hashtag #myNYPD Erfahrungen mit dem Police Department zu teilen. Die Polizeistrategen bekamen daraufhin etwas, womit sie wohl nicht gerechnet hatten: Hunderte User verbreiteten Fotos von Polizeigewalt oder anderen für die Polizei eher unangenehmen Situationen. Die tatsächlichen Erfahrungen der New Yorker mit ihrer Polizei scheinen andere zu sein, als diese gerne sehen und zeigen würde. Somit ging die Social Media Kampagne ordentlich nach hinten los.

 

Auch in Deutschland entdeckt die Polizei langsam aber sicher Twitter für sich, nachdem zahlreiche Polizeidirektionen schon den Kontakt zum Bürger über Facebook suchen. Auch über Twitter wird inzwischen versucht, in Echtzeit zu kommunizieren. Die Berliner Polizei hat das zum ersten Mal im März anlässlich einer „Antirepressionsdemo“ von autonomen Gruppen getan.

Unter dem Hashtag #antirep14 verbreitete sie ihre Darstellung der Geschehnisse und richtete sich mitunter auch direkt an die Demonstrierenden. „Über Twitter können wir mehr Menschen erreichen als vor Ort über eine Durchsage per Lautsprecherwagen“, zitiert der Tagesspiegel einen Polizeisprecher dazu. Zum Beispiel rief sie zum Ablegen von Vermummungsgegenständen auf:

 

Dass sie damit bei den Autonomen keinen Erfolg haben würden, werden die Polizeistrategen sich auch vorher schon gedacht haben. Es war wohl kaum zu erwarten, dass die Vermummten zwischendurch aufs Smartphone schauen und sich von der Polizeinachricht beeindrucken lassen würden. Das ganze scheint doch eher ein PR-Coup gewesen zu sein – durchaus mit Erfolg.

Polizei Frankfurt: Ivi bleibt!

Unfreiwillig komisch wird es spätestens dann, wenn die verwendeten Hashtags eine inhaltliche Bedeutung haben. Hinter #antirep14 verbirgt sich der Begriff Antirepression, also eine Aufforderung an die Polizei, repressive Maßnahmen zu unterlassen. Dass die Berliner Polizei diesen Hashtag übernommen hat, lässt mich dann doch an ihrer Medienkompetenz zweifeln – der durchaus nachvollziehbaren Begründung zum trotz. Zumal sich die Aufforderung, die Vermummung abzulegen, durchaus als repressive Maßnahme auslegen ließe.

Auch die Frankfurter Polizei pflegt einen Twitter-Account und auch sie hat damit einen Einsatz gegen Linke begleitet. Genauer: Gegen Hausbesetzer, die ein neues Institut für vergleichende Irrelevanz, kurz Ivi, fordern. Die Aktivisten wählten für ihre Aktion den Hashtag #ivibleibt, dessen Verwendung zweifelsohne auch Solidarität mit den Besetzern ausdrückt. Was die Polizei nicht davon abhielt, ihn zu übernehmen:

 

Die Frage ist, was die Polizei damit erreichen will. Vermutlich versucht sie, sich bürgernah zu geben, indem sie die modernen Kommunikationswege nutzt. Beim Gegenüber dürfte die Bekanntgabe einer Räumung durch eben die, die sie durchgeführt haben, allerdings wenig Sympathie auslösen.

Hoheit über Meinungsbildung

Offensichtlich fürchtet die Polizei, durch Medien wie Twitter einen Teil ihrer Deutungshoheit zu verlieren. In der klassischen medialen Realität hat sie die nämlich, Polizeimeldungen werden häufig unkritisch von Journalisten in ihre Berichterstattung übernommen und für bare Münze genommen, auch wenn es Gründe um Zweifeln gäbe.

Weil durch Twitter plötzlich jeder in Echtzeit berichten kann, bröckelt diese Dominanz. Dass es bei der Twitter-Offensive der Polizei auch darum geht, gibt NRW-Innenminister und Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Ralf Jäger (SPD), in einem Interview mit der Zeitschrift Deutsche Polizei unumwunden zu: „Wer die Hoheit über die Bilder hat, hat die Hoheit über die Meinungsbildung“, sagt er dort. Weiter heißt es in dem Artikel:

Und es müsse dort berichtet werden, wo das Ereignis stattfinde und „es muss am selben Tag passieren, weil bei YouTube und Twitter die Nachrichten schon laufen“. Besonders auf links- und rechtsextremistischen Kanälen wird die Polizei nach Konflikteinsätzen oft mit falschen Anschuldigungen überhäuft. Da müsse die Polizei mit ihrer Informationspolitik energisch gegenhalten, so der IMK-Vorsitzende. 

Dieses Unbehagen mit den „neuen Medien“ teilt die Polizei mit so manchem Konservativen. Als eine „neue Form der Guerillia-Taktik“ bezeichnete im Januar zum Beispiel der Hamburger CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Karl-Heinz Warnholz die Echtzeit-Kommunikation über Twitter während einer Demonstration. Gegen so viel Informationsfreiheit muss man natürlich etwas tun! In einer Sondersitzung des Innenausschuss sagte Warnholz: „Wir müssen den sozialen Netzwerken entgegenwirken.“

Genau das versucht nun die Polizei.

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