Dresden, du Opfer!

Am 13. Februar 2011 war ich in Dresden, um am Liveticker von taz.de zu den Protesten gegen den Naziaufmarsch mitzuarbeiten. In dieser kleinen Reportage schildere ich meine Erlebnisse.

Es herrscht eisige Stimmung vor dem Dresdner Heidefriedhof am Sonntag Vormittag. Die Nacht hat das im Wald gelegene Friedhofsgelände mit Schnee eingedeckt. Es stehen sich jeweils rund 30 Antifas und Nazis gegenüber, getrennt nur von der mäßig frequentierten Straße und einer handvoll PolizistInnen. Keine der beiden Gruppen macht Anstalten, die andere zu bedrängen. Sie schweigen geschlossen.

Der Eingang zum Friedhof wird von der Polizei bewacht, junge Neonazis stehen hier Schlange. Auch ein paar Antifas versuchen, sich einzureihen – erfolglos. „Sie gehören zu der Gruppe, die hier von der Stadt Dresden nicht erwünscht ist“, entgegnet ihnen ein Polizist Anfang 20 und schickt die Männer weg.

Ein paar hundert Meter weiter haben sich auf dem Friedhof etwa 200 Dresdner BürgerInnen, viel Politprominenz und auch etwa 50 Neonazis aufgebaut und schreiten ohne viele Worte zu verlieren in Richtung Mahnmal. Begleitet werden sie von zahlreichen FotografInnen und einigen Kamerateams. Ihr weg führt sie auch vorbei an zwei Transparenten, die Mitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes hoch halten und an den Schwur von Buchenwald erinnern.

Am Mahnmal der Gedenkstätte für die Opfer der Bombardierung Dresdens warten etwa 30 Antifas mit einem Transparent, ein paar Soldaten mit Kränzen und jede Menge Polizei auf die Gruppe. Dresdens zweiter Bürgermeister Detlef Sittel hält eine Rede. „Knapp vier Monate vor Kriegsende ging das alte Dresden in einem Feuersturm unter“, sagt er. „Hier, auf dem Heidefriedhof, fanden Tausende Opfer dieser infernalischen Nacht ihre letzte Ruhe.“ Er erinnert an die deutsche Kriegsschuld, an die Judenverfolgung in Dresden und die Bombenangriffe deutscher Flieger auf Warschau, Rotterdam und Coventry.

Sittel verwahrt sich gegen die Instrumentalisierung des Gedenkens durch Neonazis. „Dresden will Versöhnung und Dresden lebt Versöhnung“, sagt er. Dann werden die Kränze niedergelegt, zuerst die der Soldaten, dann die der Prominenz, ganz am Ende reihen sich die Neonazis ein. Gestört werden sie von den Antifas, die jetzt Sprüche wie „Oma, Opa und Hans-Peter, keine Opfer, sondern Täter!“ skandieren. Die Polizei macht kurzen Prozess und drängt die Linken in den Wald. Begleitet wird die Maßnahme von „Haut ab, haut ab!“-Rufen der Neonazis.

„Die Rechten würden sowas nie machen“, empört sich ein älterer Herr mit weißer Rose am Revers. Dann gehen sie alle, die Polizei, die PolitikerInnen und die BürgerInnen. Es bleiben die Nazis, darunter Holger Apfel und der NPD-Wachschutz. Apfel gibt vor dem Mahnmal ein Interview in eine Kamera. Und es bleiben die Kränze, die sie niedergelegt haben. Der von der CDU neben dem von der NPD und dem vom Ring Nationaler Frauen. Der vom Zentralrat der Juden neben dem der Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland, die den Trauermarsch der Nazis seit Jahren organisiert.

Die Gruppe, die „von der Stadt Dresden hier nicht erwünscht ist“, wird nahe des Ausgangs von der Polizei drangsaliert. JedeR wird abgefilmt und muss seine_ihre Personalien abgeben. Die Stadt Dresden habe Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs gestellt, erklärt ein Polizist mit vier Sternen auf der Schulter. „Außerdem haben sie gegen die Friedhofsordnung verstoßen“, sagt er. Dann müssen die AktivistInnen gehen, ihnen wurde ein Platzverweis ausgesprochen.

Wenig später sammeln sich Tausende DresdnerInnen vor dem Rathaus, um sich der geplanten Menschenkette anzuschließen. Die Dresnder Tafeln empfangen sie mit kostenlosem Tee und Schokolade. Wieder hält Vize-Bürgermeister Sittel eine Rede, wieder erinnert er an die Deutsche Kriegsschuld. „Die Brandfackel der Nazis fiel auf Dresden zurück“, sagt er und dass Nazis heute keinen Raum mehr haben sollten. „Dresden geht gegen jede Art von Extremisten vor“, verfeinert er seine Rede mit einem Seitenhieb gegen links. Dann bauen sich die DresdnerInnen zur 3,5 km langen Menschenkette auf.

Eine Stunde später, um 14 Uhr, steht die Kette. Es beteiligen sich so viele Menschen an der Aktion, dass das südliche Elbufer entgegen der Planung mit einbezogen wird. „Wir verlängern einfach“, sagt ein Ordner mit einem Grinsen im Gesicht. Auch am Nordufer stehen die Menschen dicht gedrängt in mehreren reihen. 10 Minuten lang fassen sie sich an den Händen, dann gehen die meisten nach Hause.

Hinter dem Bahnhof versammeln sich derweil langsam die ersten Nazis. Auf der anderen Seite der Schienen stehen ein paar hundert Linke, die entgegen des Demoverbots in Hörweite der Nazis protestieren wollen. Die Polizei lässt sie nicht durch, wie sie auch die anderen Blockadeversuche südlich der Bahngleise gut im Griff hat. Dass nur etwa 100 Meter weiter Linke „Nazis raus!“ skandieren, bekommen die Nazis gar nicht mit.

Die werden hinter den Gleisen von der Polizei in eine Art Käfig eingepfercht und warten darauf, dass es los geht. Fast alle sind schwarz gekleidet, viele Autonome NationalistInnen sind dabei. Aber auch die NPD ist vertreten, unter anderem mit der kompletten sächsischen Landtagsfraktion um Holger Apfel. Auch unauffällig wirkende ältere Herrschaften sind darunter, einige werden am Rande des Polizeikäfigs in hitzige Debatten verwickelt.

Ein paar ältere DresdnerInnen werfen den Senioren auf der anderen Seite des Polizeigitters empört vor, an einem Nazi-Aufmarsch teilzunehmen. Das sei gar kein Nazi-Aufmarsch, empört sich eine ältere Dame. „Sehen sie hier etwa welche?“ fragt sie rhetorisch, hunderte Neonazis im Rücken.

Um kurz nach 17 Uhr geht die Nazi-Demonstration los. Schweigend und mit brennenden Fackeln ausgerüstet ziehen die TeilnehmerInnen, knapp 2000 an der Zahl, durch menschenleere Straßen im Dresdner Univiertel. Aus einem Lautsprecherwagen tönt laute Musik, die aber nicht im ganzen Demozug zu hören ist. Außer den Neonazis selbst hört ohnehin niemand zu.

Die Polizei verkürzt die Route spontan, um eine Blockade von Linken zu umgehen. Hörbaren Protest gibt es kaum, nur vereinzelt rufen AnwohnerInnen „Nazis raus!“ aus ihren Fenstern. Im Großen und Ganzen gehört die Straße aber tatsächlich den Neonazis.

Bis sie in die Schlußgerade in Richtung Bahnhof einbiegen. In den plattenbauartigen Studentenwohnheimen, die hier die Straße säumen, haben sich hunderte an den Fenstern versammelt. Sie rufen Parolen gegen die Nazis und haben riesige Transparente aus den Fenstern gehangen, teilweise sogar beleuchtet. „Ihr habt den Krieg verloren, ihr habt den Krieg verloren“, tönt es von den Häusern. Die Polizei reagiert nervös, postiert sich vor den Eingängen.

Auch in der Straße hinter den Häusern befinden sich hunderte Linke, die ihrem Ärger Luft machen wollen. „Diese Stadt hat Nazis satt!“, skandieren sie. Die Nazis versuchen, die Rufe mit ihrem Lautsprecherwagen zu übertönen, doch das misslingt. Die letzten paar hundert Meter des Trauermarschs werden begleitet von lautstarken Protestkundgebungen, was die Stadt Dresden mit ihrer Taktik, linke Demonstrationen in der Nähe der Nazi-Demonstration zu verbieten, eigentlich verhindern wollte. Gegen 18.15 hat der braune Spuk ein Ende. Vorerst, denn nächste Woche wollen die Nazis erneut nach Dresden kommen.

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