Eine Stadt sucht einen Mord

Am Donnerstag, den 9. September, rieselte abends eine schreckliche Nachricht durch die Göttinger Gerüchteküche. Nazis hätten im Leinepark einen Punk überfallen, und das auch noch in der Nacht nach dem großen Tag der offenen Tür bei der Polizei gleich nebenan. Das vermeintliche Opfer sei dann später an den Verletzungen verstorben, mehrere dringend Tatverdächtige seien in Untersuchungshaft.

Das Gerücht hat seine Quelle in den angeblichen Freunden und Mitbewohnern des vermeintlichen Opfers. Erstaunlich detailreich verbreiten sie die Geschichte eines hinterhältigen Überfalls mit schweren Kopfverletzungen, Knochen- und Rippenbrüchen sowie Verletzungen an den inneren Organen als Folge. Insgesamt acht Nazis seien es gewesen, zwei aus Northeim, sechs aus Köln. Die beiden Northeimer Faschos seien am Tag darauf inhaftiert worden. Bei der Verhaftung sei ein Polizeibeamter verletzt worden. Ihr Freund und Mitbewohner sei am Dienstag Abend an einer Hirnblutung gestorben.

Die Geschichte schockiert. So etwas hat es in Göttingen seit fast 20 Jahren nicht mehr gegeben. Aber: die Story erschien glaubwürdig.

Freitag Vormittag berief die Monsters of Göttingen – Redaktion eine spontane Redaktionsversammlung ein, erstmals in unserer Geschichte aus einem so aktuellen Anlass. Wir beschlossen – zum Glück – uns gut vorzubereiten. Die Veröffentlichung wurde besprochen, es wurde über Kondolenz debattiert: Wie drücken wir unser Beileid aus? Machen wir die Seite optisch anders? Wie moderieren wir Kommentare? Weiterführende Berichte und Interviews wurden geplant.

Die erste Meldung war schon geschrieben, ein Foto des angeblichen Tatorts „Leinepark“ gemacht. Aber wir waren uns einig: Es fehlt noch eine Bestätigung.

Bereits um 9 Uhr hatten Kollegen bei der Polizei angerufen, um sich die Geschichte bestätigen zu lassen. Die sagte zunächst gar nichts, sondern ließ mit einer Stellungnahme bis 12 Uhr mittags auf sich warten. Die Zwischenzeit, so die Vermutung, nutzte die Polizei zur Vorbereitung einer Pressekonferenz. Die würde angemessen sein, jetzt, wo der Fall öffentlich wurde.

Gleichzeitig fragten wir uns, warum die Polizei von dem Mord tagelang schwieg. Wollte sie etwa diese Nachricht unter dem Teppich halten? Hatte sie Angst vor Ausschreitungen? Und was hätte eine Verzögerungstaktik dann genützt? Auch der kolportierte Tathergang warf Fragen auf – warum hat die Polizei auch nach mehreren Tagen, trotz angeblicher Inhaftierungen nichts verlautbaren lassen?

Am Mittag dann die Stellungnahme der Polizei: sie wisse von nichts. Von keiner Schlägerei, keinem verletzten Beamten und erst recht keinem Toten. Verwunderung machte sich breit. Dass die Polizei wider besserem Wissen einen Mord bestreitet, schien unwahrscheinlich. Aber auch nicht undenkbar.

Später am Nachmittag wird das Bild dann klarer: auch aus dem Klinikum ist zu hören, dass in der vergangenen Woche niemand an entsprechenden Verletzungen gestorben sei. Und auch einzelne Details der Erzählungen lassen bei genauerer Betrachtung Zweifel aufkommen. Die ganze Geschichte – offenbar ein Fake. Zumindest lassen die Informationen sich nicht verifizieren.


Doch kein Tatort: der Göttinger Leinepark

Das Bemerkenswerte an der Geschichte ist die Akribie, mit der die UrheberInnen sich ihr Märchen ausgedacht haben. Die Story war so voller Details, dass es zunächst keinen Grund zum Zweifeln gab. Dennoch war sie offenbar erfunden und es ist doch sehr beruhigend zu wissen, wie gewissenhaft die Beteiligten KollgegInnen mit den Informationen umgegangen sind. Eine verfrühte Veröffentlichung wäre eine Blamage ohne Gleichen gewesen.

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3 Gedanken zu “Eine Stadt sucht einen Mord

  1. und trotzdem bleibt die frage: was soll das? warum soll sich jemand so eine geschichte ausdenken und verbreiten? irgendwie verstehe ich das nicht…

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